Das Rennen um die Alster
Der Wecker klingelt und mein erster Blick gilt dem blauen Himmel über Hamburg. Das wird wieder ein tolles Rennen, so viel steht jetzt schon mal fest.
Nach einer eher schnellen Dusche, einem spärlichen Frühstück das aus einer Schale Bio-Schokomüsli mit Bananen und Milch besteht schiebe ich meinen Renner aus der Wohnung.
Einen Blick nach Links und einen nach Rechts, keine Konkurrenz in Sicht und schon geht es ab auf die Strecke.
Die erste Ampel steht heute ausnahmsweise mal auf Grün, al sich ankomme. Ein guter Start wie ich finde. Doch umso näher man der Alster, dem eigentlichen Schauplatz des Geschehens kommt, umso voller werden die Wege. Vier Ampeln später herrscht schon ein reges Gedränge um die besten Startplätze. Wer hier verliert muss sich nachher hinter einer langsamen Dame einreihen oder wird auf die Straße abgedrängt. Wertvolle Zeit geht verloren und man muss unter großer Anstrengung wieder nach vorne kämpfen.
Es gibt drei verschiedne Typen von Menschen, die sich am morgendlichen Rennen um die Hamburger Alster beteiligen.
Zum ersten haben wir die Damen, die es nicht eilig haben und meistens mit einem sehr klapprigen Fahrrad unterwegs sind. Sie genießen die frische Luft, genießen es, an den stehenden Autos vorbeizufahren und nehmen den Blick über die noch leere und still daliegende Alster in sich auf um davon den ganzen Tag zu träumen.
Sie fahren meistens weit rechts und es kann sie auch nichts in ihrer Meditation stören, nicht einmal wenn man mal wieder viel zu schnell und zu knapp an ihnen vorbeihuscht.
Ein viel unruhiger Typ ist der Geschäftsmann, der viel lieber in seinem BMW auf der Straße wäre, als auf einem original „Gazelle“ Crusier um die Alster tingeln muss. Er drängelt sich an jeder Ampel weit nach vorne um dann, nach dem diese schon eine gefühlte Ewigkeit auf Grün steht, in Schlangenlinien anzufahren. Ihn zu überholen ist eigentlich ein Ding der Unmöglichkeit. Man weiß nie genau was er als nächstes vorhat. Biegt er plötzlich links ab, weicht er einem imaginären Gegner aus oder fängt er lauthals an zu schimpfen und vergisst dabei, dass er nicht alleine unterwegs ist. Er versucht, so schnell wie möglich an seinem Arbeitsplatz anzukommen um seine Kollegen ganz entnervt zu erzählen welche Idioten wieder unterwegs waren.
Zu guter Letzt, der dritte Typ. Er sitzt in sportlicher Haltung auf einem noch sportlicheren Fahrrad und versucht jede Chance wahrzunehmen um nach vorne zu kommen. Rote Ampeln sind für ihn nicht wirklich ein Hindernis. Sollte mal jemand seinen Weg schneiden, wird nicht lange rumgemotzt sondern einfach auf die Wiese ausgewichen und wieder Gas gegeben. Er sieht die tägliche Fahrt als körperliche Herausforderung und hochleistungssportliches Ereignis.
Die Letzte Ampel vor der Alsterunde ist erreicht. Inzwischen stehen 18 Fahrer bereit um sich so schnell und reibungslos wie möglich in das große Gedränge einzureihen.
Grün, und los geht es. Die Oma vor mir ist wahrscheinlich Farbenblind und bekommt nicht so ganz mit, dass es losgeht. Ich weiche nach link sauf die Straße aus und muss schauen, dass ich schnell nach vorne komme um nicht von schnellen, schwarzen Managerkarren überfahren zu werden. Die T-Kreuzung ist erreicht und ich kann man glücklicherweise ohne Probleme in den täglichen Tross einreihen. Das Rennen geht erst hier richtig los. Ein Blick nach vorne, es kommt kein Gegenverkehr, also ausscheren und Gas geben. Die ersten beiden Kontrahenten sind überholt und ich reihe mich ganz knapp wieder ein bevor mich der entgegenkommende Verkehr erreicht.
Das Rennen läuft gut und ich kann mich Platz für Platz nach vorne kämpfen. Bis jetzt ist noch nicht schlimmes passiert. Keiner der überholten Gegner fühlt sich belästigt oder gekränkt.
Im alltäglichen Rennen trifft man einstweilen auch immer dieselben Personen. Da fährt z.B. die Blonde Anwältin auf ihrem schwarzen Citybike die nächsten hundert Meter vor mir und lässt sich nicht überholen. Ich wundere mich dabei jeden Morgen wie man als einzige, schlanke Frau so viel Platz auf der Straße einnehmen kann.
Der nächste Bekannte, ein Radkurier, kommt von hinten angeflogen, fährt ein paar Meter neben mir und düst an der nächsten Kreuzung in eine andere Richtung weiter.
Nach vielen Wochen des Fahrens, sind einem diese Personen bekannt aber man kennt sie doch nicht wirklich. Fährt man meterlang nebeneinander, steht man zusammen an der gleichen Ampel und wartet, bis man weiterfahren kann oder wicht man demselben Hund aus, spricht aber doch kein Wort miteinander. Man ist sich nahe, hat die gleichen Ziele, und Probleme ist sich aber trotzdem fremd. Komische Welt.
Ich bin inzwischen an meiner letzten Ampel angekommen und mache mich fertig für den Schlusssprint. Es sind noch ein paar Meter bis ich aus dem großen Getümmel raus bin auf die ruhige Nebenstraße abbiegen kann. In Gedanken freue ich mich schon auf das nächste Rennen am folgenden Morgen.